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Ich möchte erzählen, was ich hier in den vier Wochen gemacht habe. Es war keine leichte Zeit, denn ich hatte beschlossen, mit Nichts zu kommen. Das heißt, ich habe alles zu Hause liegen lassen und ließ es völlig offen, was ich hier werde tun können.
Hier in und an meinem gelben Haus habe ich eine kleine Ausstellung zusammengestellt, die versucht, zusammenzufassen, was mir in dieser Zeit durch den Kopf ging und wie es dazu kam, dass ich am Ende ein großes Bild gemalt habe.
Phase 0 meiner Unternehmung war das Nichts.
Phase 1 war meine Ankunft hier in dieser Unterkunft. Da ich nichts hatte, konnte ich nur warten und sehen, was mir alles zugeflogen kommt. Es war eine ganze Menge. Denn wenn man wenig hat, dann kann plötzlich jede Kleinigkeit zu etwas sehr Wichtigem, Großem werden. Die Kinder wissen es: selbst eine leere Plastikflasche besitzt einen Zauber.
Phase 2 war mein Kennenlernen mancher Bewohner und der Austausch. Kommunikation war nicht immer einfach. Aber selbst wenn ein Deutscher mit einem Deutschen spricht, heißt das ja nicht, dass tatsächlich Verständigung stattfinden würde. Die Sprache selbst ist vielleicht gar nicht das Wichtigste, wichtig ist der Wille, der dahinter steht: Will ich ein Gespräch mit dem anderen oder will ich es gar nicht.
Das hatte Phase 3 zur Folge. Da ich viel sammelte und alles mir notieren musste, entstand die Absicht, ein Buch schreiben zu wollen.
Ein Buch darüber, wie Menschen zusammen friedlich leben können.
Ein Buch über Erfahrungen mit dem Nichts und dem Wachstum.
Ein Buch darüber, wie schwer und wie faszinierend es sein kann, sich gegenseitig zu verstehen.
Ein Buch über Leere, Fremdheit, Hass, Mitgefühl, Begegnung und Fülle.
Das ist ein umfangreicheres Projekt, welches ich hier nicht abschließen konnte. Ich werde es noch an anderer Stelle zu Ende bringen. Ein Buch schreibt sich nicht in vier Wochen.
So führte es mich zu Phase 4: der Erkenntnis, dass ich am Ende meiner Zeit in der Flüchtlingsunterkunft nichts hätte, was ich hier vorzeigen kann und nichts, was jemand hier lesen könnte.
Ich benutze nur die Buchstaben meiner Sprache. Aber viele, viele andere Buchstaben leben hier auf diesem Platz unter uns. Darum habe ich beschlossen, sie alle hier auf meinem Bild zu versammeln. Sie treiben im Meer. Das Bild trägt den Titel “Das Meer der Stille”.
Das Bild ist zwar übervoll. Eine Unmenge an Buchstaben wird angeschwemmt, aus allen Sprachen. Griechische, armenische, arabische, hebräische, lateinische, äthiopische und viele andere. Es scheint geradezu aus dem Bild heraus zu schreien. Aber es finden sich gar keine Worte darin, es wird nicht gesprochen, nichts behauptet und niemand beurteilt. Es wird nicht geklagt und nicht beschimpft. Es sind nur Buchstaben, die kleinsten Bausteine unserer Kommunikation. Sie schwimmen in diesem Meer und bedeuten NICHTS. Und doch bedeuten sie ALLES. Denn ohne sie könnten wir uns überhaupt nicht untereinander verständigen. Spielen wir also das Spiel der Buchstaben, lasst uns die Buchstaben untereinader tauschen. Lernen wir also von unseren Buchstaben. Dies ist ein großes Bild vom Kennenlernen der Menschen untereinander.
Nicht mit lauten Worten. Aber mit leisen Gedanken.
Somit beginnt nun die abschließende Phase 5, eine letzte Öffnung meines Hauses für alle, die zugleich auch mein Abschied von diesem Ort ist. Ich lade euch alle ein, sich die Ausstellung im gelben Haus und am gelben Haus anzusehen. Ich freue mich auf eure Reaktionen und danke allen, die es ermöglicht oder zugelassen haben, dass ich hier sein durfte.

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